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Trendwende bei den Energiepreisen?

Die Terminmarktpreise sind in den letzten Wochen – ausgehend von den Tiefstständen Anfang 2016 – auf neue Rekordniveaus gestiegen. Innerhalb der letzten gut eineinhalb Jahre kletterte Heizöl um ca. 80 %, Kohle um fast 100 %, Strom um 75 % und Erdgas um 25 %.

Welche Faktoren sind verantwortlich? Den größten Einfluss hat nach wie vor die Weltkonjunktur. Zur Erinnerung: Vor ca. 10 Jahren brach die Weltkonjunktur in Folge der „Subprime-Krise“ ein und die Energiepreise verbilligten sich grob gesagt um zwei Drittel. Der Unterschied zur heutigen Situation sind die tieferen Niveaus, auf denen wir aktuell rangieren. Die zunehmenden Warnrufe, dass die nächste „Blase“ bald platzen könnte (billiges Zentralbankgeld, Immobilienboom China, etc.), werden aber lauter. Sollte es also zu einer konjunkturellen Abkühlung oder gar zu einem Crash kommen, werden vermutlich alle Commodities wieder deutlich nachgeben.

Unter den Primärenergieträgern selbst ist das Öl derjenige, der die Preise der anderen wesentlich beeinflusst. Die Sorte Brent ist im letzten Jahr relativ stabil zwischen 45 $ und 55 $ angesiedelt und aktuell an der oberen Grenze. Der Ölpreis hat wiederum signifikanten Einfluss auf den Kohlepreis, weil die Gewinnung und der Transport viel Öl als Kraftstoff benötigen. Größter Einflussfaktor auf den Kohlepreis ist aber der konjunkturabhängige Kohlebedarf in China, da China mit ca. 3,5 Mrd. t/a (80 % Stromerzeugung aus Kohle) rund die Hälfte des Weltverbrauchs benötigt. Da die weltweit gehandelten Mengen aber nur einen geringen Anteil ausmachen, wirken sich Konjunkturveränderungen in China stark auf den Handelspreis für Steinkohle aus.

In Deutschland wirkt sich jede Änderung des Kohlepreises deshalb auf den Strompreis aus, weil beim aktuellen Strompreisniveau die Grenzkosten der Stromerzeugung im Wesentlichen durch (Stein-)kohlekraftwerke bestimmt sind (Merit-Order). Somit ist der Strompreis derzeit also - vereinfacht gesagt - von der Konjunktur in China abhängig. Da spielen die weiteren Einflussfaktoren auf den Strompreis, der CO2- & Gaspreis, derzeit nur eine nachrangige Rolle. Doch Achtung: umgekehrt zieht ein steigender Strompreis den Gaspreis mit nach oben, da in der Merit-Order zunehmend Gaskraftwerke zur Stromerzeugung zum Einsatz kommen. Und da der Gaspreis bislang relativ zu Öl und Kohle wenig gestiegen ist, besteht hier bei weiter steigenden Strompreisen Aufwärtspotential.

Fazit: Derzeit ist der Strompreis „bullish“, so dass eine Absicherung des Energieportfolios für die Belieferung zumindest der bevorstehenden Quartale bzw. 2018 in Betracht gezogen werden sollte - auch wenn es angesichts der bereits erreichten Niveaus einer Notbremsung gleicht. Eine Absicherung des Gaspreises ist derzeit noch „relativ“ günstig. Mittel- und langfristig ist die Frage nach der weiteren Konjunkturentwicklung entscheidend. Wer diese Frage nicht beantwortet kann, sollte über eine Teilabsicherung seines Portfolios nachdenken, um die Risiken zu verteilen.

Entwicklung Kohlepreis